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Haus Tambaran

Das Haus Tambaran, das Ahnenhaus, ist der Mittelpunkt eines Dorfes der Sepikregion in Papua-Neuguinea. Neben anderen Nutzungen dient das auf Ständern stehende Langhaus als Aufbewahrungsort zahlreicher Holzbildhauerarbeiten, die verstorbene Mitglieder der Dorfgemeinschaft darstellen. Der Rat dieser geschnitzten Ahnen ist in Form der Tradition verfügbar und kann von den Mitgliedern der Gemeinschaft eingeholt werden – Tradition, wie Gustav Mahler sie definiert hat, nämlich als „Weitergabe des Feuers“ und nicht als „Anbetung der Asche“. Ob die Ergebnisse meiner Malerei geeignet sind, das Feuer weiterzugeben, mögen andere beurteilen, dass Malerei in meinem Fall die „Anbetung der Asche“ verhindert hat, ist hingegen gewiss.

Konterfei

Seit einigen Jahren ist das Porträt bzw. die Menschendarstellung das vorwiegende Thema meiner Arbeit. Die Porträts entstehen nach bearbeiteten digitalen Fotos und Skizzen. In Albrecht Dürers „Underweysung der messung“ von 1525 findet sich die Beschreibung eines Hilfsgeräts zur räumlichen Erfassung eines Objekts. Das Gerät wird mit den Worten kommentiert: „Solchs ist gut allen denen, die jemand wollen abconterfeien und die ihrer Sache nicht gewis sind.“ Den zweiten Teil des Dürer-Satzes möchte ich als Grundlage meiner Arbeit bezeichnen: sich seiner Sache nicht gewiss sein. Das trifft, so glaube ich, in hohem Maß zu, wenn man den Versuch unternimmt, einen Menschen in seiner Vielfältigkeit wahrzunehmen – egal, ob es sich um eine „künstlerische“ Auseinandersetzung mit dem Thema handelt oder um die „ganz normale“ Begegnung. Um Gewissheit zu erlangen, bedarf es geeigneter Hilfsmittel, zum Beispiel der Malerei.

Aus dem Katalog „Das Ganze im Einzelnen“

Bei der Herstellung eines gemalten Bildnisses schwingen per se Themen wie Vergänglichkeit und Vergessen mit: zum einen wird mit dem Abbild gegen diese Vorgänge angemalt, zum anderen dokumentiert es durch seine Existenz die Geschichtlichkeit, ist doch die Phase des Malens mit dem fertigen Bild abgeschlossen und bereits Teil der Vergangenheit.

In diesem Katalog gibt es nur wenige Bildnisse, in denen die dargestellten Menschen uns direkt anschauen, um mit uns in einen Dialog zu treten. Die meisten nehmen keinen Blickkontakt zu uns als Betrachtende auf, vielmehr blicken sie in die Ferne, an einen für uns nicht einsehbaren Punkt. Sie scheinen in sich versunken zu sein, das Betrachtetwerden hat keine Bedeutung für sie. Sie repräsentieren nicht, was bei einem Bildnis zu erwarten wäre, sondern sind eher mit sich beschäftigt. Durch die abstrahierten Hintergründe sind sie aus der Zeit genommen, haben keinen bildhaften Kontext, in dem sie zu verorten wären. Nur selten finden wir Andeutungen von Landschaft. Zu diesem „überzeitlichen“ Kontext kommen noch die Attribute hinzu, die einigen Personen beigegeben wurden und die durch ihre Singularität besonders in den Vordergrund treten und unsere Aufmerksamkeit einfordern: Da sehen wir wieder ausschlagendes abgeschnittenes „totes Holz“, das in den Händen gehalten wird, seltener üppig wachsende Pflanzen, häufig laubfreie Äste, die den Hintergrund bilden. Durch ihre Kargheit und ihre Dominanz als bildgestaltendes Motiv liegt es nahe, ihnen eine symbolische Bedeutung zuzuschreiben. Bei laubfreien Ästen ist die Assoziation an das Werden und Vergehen innerhalb des Jahreszyklus naheliegend und somit im Zusammenhang mit den davor präsentierten Menschen an das Werden und Vergehen des menschlichen Lebens. Dass dieses auch von inneren Krisen geprägt werden kann, zeigen jene Bildnisse, in denen der Dargestellte mit sich zu ringen scheint. Die Bildnisse sind nicht als reine „Abbilder“ zu sehen, vielmehr spielt die subjektive, individuelle Sicht Lathers auf die von ihm gemalten Menschen eine entscheidende Rolle. Es ist der vom Künstler geleitete Blick, der uns malerisch präsentiert wird: bestimmte physiognomische Merkmale, die am Modell faszinieren, die vielleicht auch besonders charakteristisch für diese Person sind, werden betont. Jedes Motiv erfordert laut Aussage Lathers seine ganz individuelle Umsetzung, die er auch nur auf diese Art und Weise umsetzen kann.

Die Standortbestimmung, das Hinterfragen des eigenen Tuns mittels des Malprozesses ist ein Thema, das die Selbstbildnisse bestimmt. Das Künstlerselbstbildnis hat eine lange Tradition, die mit der Renaissance einen Siegeszug begann. Zum einen diente es dazu, den Status als Künstler nach außen zu dokumentieren, zum anderen waren Selbstbildnisse für den Künstler seit jeher auch Mittel der Selbstbefragung. Die Darstellung der äußeren Erscheinung und die Darlegung der inneren Befindlichkeit verschmelzen in diesem Genre. In der malerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Person, dem Bildnis, wird die Frage aufgearbeitet, wo man – nicht nur - künstlerisch steht. Es ist der wache, forschende Blick, der uns in den Selbstbildnissen entgegenblickt, d.h. mit dem sich der Maler anblickt, da wir als Betrachtende bei den Selbstbildnissen die Position dessen einnehmen, der sich selbst sieht und malt.

Das großformatige Selbstbildnis mit dem Titel Reset I scheint eine sehr angespannte Auseinandersetzung wiederzugeben. Dieses wird nicht allein am kritischen, angestrengten Blick des Malers, der gleißenden Beleuchtung sowie den kalten Farben deutlich. Auch der Bildtitel unterstreicht dies: Reset kennen wir aus der Computersprache; es steht für einen Neustart aus einer Havariesituation heraus, d.h. wenn der Computer hängt und keine Befehle mehr umsetzt. Die dürren, blattlosen baumartigen Gewächse, die als farbige Masse den Hintergrund beherrschen, bringen durch ihre zackige Form bedrohliche Spannung in das Bild und unterstreichen diese durch ihre unterbrochene Darstellung, die bis in die Figur übergreift und mit ihr an einigen Stellen verschmilzt.

Die Geschichtlichkeit in Form des Suchens, Befragens, Erforschens ist auch Grundlage des Zyklus Haus Tambaran, Ahnenhaus. Eine Kiste mit alten Fotos von unbekannten Verwandten war Anlass, sich malerisch den eigenen Ahnen zu nähern. Weshalb nun der Begriff Haus Tambaran? Rainer Lather war mehrere Jahre an unterschiedlichen Flecken der Erde in der Entwicklungshilfe tätig, so auch in Papua Neuguina. Dort lernte er einen anderen als den europäischen Umgang mit den verstorbenen Vorfahren kennen: Das Haus Tambaran ist das Haus der Ahnen, und zwar nicht in Form eines Totenkultes, d.h. der Totenehrung, sondern in diesem Haus existieren die Ahnen oder vielmehr ihr geistiger Anteil – in anderer Form materialisiert - weiter. Zahlreiche bemalte Holzarbeiten stellen die verstorbenen Mitglieder der Dorfgemeinschaft dar. Und die Lebenden pflegen die verstorbenen Ahnen in vielen Dingen des täglichen Lebens in diesem Haus um Rat zu fragen, lassen sie an wichtigen Ereignissen des Dorflebens teilhaben. 
Er war fasziniert von dieser Einbindung längst Verstorbener in das tägliche Leben und versucht nun in seiner Serie Haus Tambaran - mit seinem europäischem Hintergrund - seinen Ahnen näher zu kommen, sie in die Gegenwart einzubinden.

Die erste Auseinandersetzung mit dem ausgewählten Foto aus der erwähnten Fotokiste unbekannter Ahnen erfolgt in einer Schwarz-Weiß-Fassung. Diese Fassung ist noch nah an der Vorlage. Jedoch ist zu bedenken, dass es sich häufig um ganz kleine Fotografien von z.T. nur 5 x 5 cm handelt, die als Gemälde nun um ein Vielfaches vergrößert werden. Durch die Vergrößerung sowie durch das Mittel der Malerei gewinnen die Bilder an Bedeutung. Es ist nicht mehr eine kleine Fotografie unter vielen, sondern wird zu einem Unikat. Die ausgewählten Ahnen liegen nicht mehr in einer kleinen Kiste, sondern beanspruchen eine ganze Wand. Auch bei dieser ersten malerischen Umsetzung der Vorlage werden bereits kleinere Veränderungen vorgenommen, wenn der Bildinhalt durch Betonungen, Variationen oder auch Weglassungen gewichtet wird. Jedoch wird anhand äußerlicher Merkmale deutlich, dass es sich um Personen handelt, die in der Vergangenheit im Bild festgehalten wurden. In einer zweiten, jetzt farbigen Fassung des Motivs löst sich Lather weiter von der Vorlage, verfremdet die Dargestellten und ihre Umgebung. So werden die Personen in einen – zum Teil phantastisch anmutenden – entzeitlichten Raum gesetzt. Die Frau und der Junge (Haltlos), die in der Schwarz-Weiß-Fassung auf einer Bank sitzen, sitzen nun schwebend vor einem nicht näher zu identifizierenden, abstrahierten Hinter- und Untergrund, in den sie mit ihren Füßen zu versinken scheinen. Es entsteht der Eindruck, als wäre es ein Blick in eine andere, nicht fassbare Zeit, der uns mit diesem Bild ermöglicht wird. Ähnliche Empfindungen ruft auch das Bild Prolog hervor. Hier scheinen in der Farbfassung die Menschen in ein anderes Altersstadium gelangt zu sein, wenn ihre Gesichter den Eindruck von Greisen vermitteln. Die Erzarbeiter hingegen haben sich in der zweiten Fassung ihrer Umgebung angepasst. Sie verschmelzen ansatzweise - ebenso wie der kleine Junge in Vorhersage - durch Farbgebung und Bildstruktur mit dem Hintergrund.

Dr. Irene Ewinkel
Kunsthistorikerin, Marburg

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